Montag, 24. November 2008
Den Zufall bejahen - Notizen zu der Probenarbeit für ALICE
Von Alexander Kerlin

Wie zusammen schreiben? Wie kann ein Theatertext entstehen, an dessen Anfang nicht die Idee eines einzelnen, vermeintlich souveränen Autor-Schöpfers steht? Wie schreibt sich ein Stück jenseits der Studierstuben einsamer „Genies“? Und, nicht ganz unwichtig, unter welchen Umständen wird es gut?

ALICE // … und verdau dich selbst Sehnsucht, du! // Eine Expedition ist ein Stück, in dem sich deutlich vernehmbar ein doppeltes Drama abspielt. Jenes nämlich, das es erzählt und jenes, das es hervorgebracht hat - ein siebenwöchiger Probenprozess, an dessen Anfang die im institutionellen Theaterbetrieb noch immer unübliche Geste stand, zu sagen: Nichts wissen wir über das Stück, das wir aufführen werden, wir kennen noch keine Zeile Text, keine Figur, keine Geschichte. Der Probenprozess ist in erster Linie eine Expedition, ein Abenteuer, das darin besteht, sich den 150 Jahre alten, schonungslosen Phantasmen des viktorianischen Logikers Lewis Carroll gemeinsam auszusetzen. Und dieses Ausgesetztsein selbst ist der erste dramatische Konflikt des neuen Stückes. Denn Carrolls messerscharfe Vivisektionen aller Sinn gebenden und ordnenden Instanzen im Leben, der Sprachen der Logik, der Religion, der Liebe, des Menschseins und der Wissenschaften zeigen uns bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts, was die Sprachkritik erst ein halbes Jahrhundert später zu ahnen beginnt. Es gibt nichts, aus dem wir uns und die Welt mit Hilfe der Sprache ursprünglich ableiten könnten, das heißt es gibt nichts, was uns über unsere Begrenztheit hinwegtrösten könnte, indem es mit Sicherheit der Sprache äußerlich wäre.

Entlang der Lektüre der beiden Bücher Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln ist parallel zur szenischen Arbeit ein eigenständiges Stück entstanden, das schließlich mehr geworden ist als nur das Dokument einer intensiven Probenarbeit. Aus dem neuen Text ist eine ungewöhnliche Vielstimmigkeit zu vernehmen, ein weites Spektrum an Tönen, Stilen und Formen, das sich der Heterogenität der Gruppe und der Offenheit der Arbeitsweise verdankt: Improvisationen der Schauspieler, verschiedene gemeinschaftliche oder individuelle Schreibtechniken, gemeinsame Lektüren ausgewählter Texte und das Einflechten philosophischer und literarischer Fundstücke.

„Einen guten Grund gibt es nur als kontingenten.“ Was der Philosoph Gilles Deleuze damit meint, könnte man für kollektive Schreibprozesse, in denen man den Zufall zu seinem wichtigsten Verbündeten machen muss (schon allein, um sich vor seiner Umtriebigkeit zu schützen: dieses oder jenes Buch wird aus dem Regal gezogen, dieser oder jener Traum geträumt und eingebracht, dieser oder jener Gegenstand findet seinen Weg auf die Probebühne), vielleicht folgendermaßen übersetzen: Der Probenprozess hätte auch zu einem völlig anderen Ergebnis führen können. Und dennoch scheint in dem vorliegenden Stück eine Notwendigkeit zu liegen, die sagt, dies und nichts anderes passiert, wenn diese Personen entlang dieses literarischen Stoffes hier und jetzt miteinander einen Theatertext entwickeln. Was das fertige Stück letztendlich zusammenhält, sind die Leben der an seiner Entstehung Beteiligten. Nicht zu ersetzen ist genau diese eine singuläre Zusammensetzung der Gruppe und diese eine Folge von Ereignissen, die es hervorgebracht hat. Worauf das Stück hingegen nicht verweist, ist ein Ursprung im Sinne eines souveränen Schöpfers, dessen vermeintlicher Klarsinn die Textlandschaft bis in die feinsten Verästelungen überblicken könnte. Das Stück ließe sich vielleicht besser beschreiben als Oberflächenstruktur, in der sich die Spuren seiner zugleich zufälligen wie notwendigen Entstehungsgeschichte abdrücken.

„Den Zufall bejahen“ heißt nicht anything goes, es meint nicht den totalen Anarchismus. Die Formulierung beinhaltet vielmehr eine ethische Forderung: Die Kontingenz nicht restlos beherrschen oder kalkulieren zu wollen im Namen z.B. der einzig richtigen Lösung, der Wahrheit oder der angestrebten „Aussage des Stücks“. Denn nichts ist unsicherer als die Wahrheit im Denken. Mit Mallarmé gesprochen: „Jeder Gedanke wagt einen Würfelwurf.“

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Leidenserfahrungen einer Kritikerin
Moers
Ein kollektiver Albtraum
VON ANJA KATZKE

24.11.2008 RP

Moers (RP) Die Uraufführung der Inszenierung „Alice – Expedition ins Wunderland“ frei nach Lewis Carroll bekam viel Premieren-Applaus vom Publikum, überzeugte aber nicht. Es ist vielmehr eine abstruse Tour de Force.

Das Schlosstheater gehört zum Glück zu den Theatern, die ihren Regisseuren, Dramaturgen und Schauspielern den Freiraum geben, zu improvisieren, Grenzen zu überschreiten und mit den Möglichkeiten zu experimentieren. Das ist gut so. Doch was gut ist, muss nicht immer auch gelingen und gefallen. Die Inszenierung „Alice – Expedition ins Wunderland“, die am Samstag uraufgeführt wurde, verschlingt das Publikum gnadenlos in einem vom Ensemble geschaffenen Albtraum, der sich hoch schaukelt und die Grenzen des Erträglichen ausloten will. Regisseur Kay Voges sagte vor der Premiere, dass diese Inszenierung ein mutiges Publikum braucht. Dem möchte man hinzufügen, dass es bereit sein sollte, auf dieser Expedition seine individuelle Leidensfähigkeit auf den Prüfstand stellen zu lassen. Leichtigkeit sollte es nicht erwarten.

Eine Vielzahl von Hirngespinsten

Carrolls „Alice“ ist Motivgeberin des im Ensemble-Kollektiv erarbeiteten Stücks, das wie die Wunderland-Geschichten nicht den Regeln der Logik folgt, die Welt der Vernunft aber noch drastischer auf den Kopf stellt. Dieser kollektive Albtraum, vielleicht auch Drogenexzess, ist der Dramaturg dieser Geschichte, die in der Küche einer WG ihren Lauf nimmt. Aquarium links, Küchenzeile rechts, dahinter eine spießige 70er-Jahre-Großdruck-Tapete. Die Inszenierung startet mit harmlosen WG-Streitereien über Politik, Putzplan und Hausordnung, dringt aber bald in unterbewusste Sphären ein, in denen Gewohntes befremdlich wirkt, Sprache phonetisch zerstückelt wird und Handlungen wie irrsinnig daher kommen. Freud lässt grüßen. Jede Szene nimmt noch groteskere Züge an. Zeit und Raum lösen sich auf, das Individuum wird dekonstruiert. Ekkehard ist Sebastian, Sebastian ist Ekkehard. Lewis Carrolls weißer Hase taucht immer wieder mal auf, mal als Zeichentrickfigur auf die Leinwand projiziert, mal als Hasenohr-Mütze auf dem Kopf eines Schauspielers. In diesem Rahmen versuchen Regisseur Kay Voges und Dramaturg Alexander Kerlin die Grundfragen des menschlichen Daseins zu verhandeln und schicken die Schauspieler Kinga Prytula, Sebastian Kuschmann, Andrea Cleven sowie Ekkehard Freyer und damit auch das Publikum auf eine philosophische und psychologische Tour de Force, auf der auch gesellschaftliche Regeln hinterfragt werden, so zum Beispiel: „Wir brauchen eine Putzplan, einen Putzplan für die Sozialhygiene. Seelenhygiene.“ Diese Atmosphäre wird verstärkt durch die wilden, oft unerwartet einsetzenden Licht-, Klang- und Videoinstallationen der Medienkünstler „Sputnic“ aus Krefeld sowie die Musik und dem Gesang von Markus Maria Jansen. Die experimentelle Idee, die hinter dieser Inszenierung steckt, ist gut. Die Vielzahl der Hirngespinste, die auf der Bühne breit getreten werden, zermürben jedoch auf Dauer.

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